Können Bauchnarben Rückenschmerzen verursachen? - von Daniel Randzio

Viele Menschen haben im Laufe ihres Lebens eine Operation im Bauchraum, beispielsweise aufgrund einer Blinddarmentzündung oder eines Kaiserschnitts. Nach abgeschlossener Wundheilung wird die entstandene Narbe häufig nicht weiter beachtet. Doch kann eine Bauchnarbe auch Jahre oder sogar Jahrzehnte später noch Auswirkungen auf den Bewegungsapparat haben?

In der osteopathischen Praxis begegnen wir immer wieder Menschen mit chronischen Beschwerden im Bereich der Lendenwirbelsäule, des Beckens oder der Hüfte, bei denen sich im Gespräch eine frühere Operation im Bauchraum als gemeinsamer Aspekt zeigt. Dabei stellt sich nicht nur die Frage, ob die Narbe äußerlich gut verheilt ist, sondern auch, wie beweglich das darunterliegende Gewebe heute noch ist.

 

Narben sind mehr als Haut

 

Eine Operationsnarbe betrifft nicht nur die oberste Hautschicht. Je nach Eingriff kann es zur Durchtrennung verschiedener Gewebeschichten kommen. Während die Wundheilung äußerlich oft problemlos verläuft, können sich im tieferen Gewebe Verwachsungen und Bewegungseinschränkungen entwickeln, was in der chirurgischen Literatur als sogenannte Adhäsionen beschrieben wird. Aus osteopathischer Sicht können dadurch möglicherweise dauerhafte Veränderungen der Gewebespannung zwischen Bauchraum, Becken und Lendenwirbelsäule entstehen.

 

Wie könnte eine Bauchnarbe den Rücken beeinflussen?

 

Bei dieser Frage werden verschiedene Mechanismen diskutiert:

 

Veränderte Faszienspannungen

Faszien können als ein zusammenhängendes Netzwerk im gesamten Körper verstanden werden. Wird eine Region dauerhaft in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt, können Zugkräfte über größere Distanzen weitergeleitet werden. Eine Narbe im Bauchraum kann daher theoretisch die Beweglichkeit der Lendenwirbelsäule, die Beckenstellung oder die Hüftfunktion beeinflussen.

 

 

Viszerosomatische Wechselwirkungen

Bauchorgane und Bewegungsapparat sind über das Nervensystem miteinander verbunden. Veränderungen der Organbeweglichkeit oder Spannungen im umgebenden Gewebe können sich auf die Muskulatur und Gelenke auswirken. Dieses Konzept bildet einen wesentlichen Teil der osteopathischen Betrachtungsweise und wird zunehmend wissenschaftlich untersucht.

 

Einschränkung der Gewebegleitfähigkeit

Gesundes Gewebe bewegt sich ständig gegeneinander. Verwachsungen können diese natürliche Gleitfähigkeit reduzieren. Mögliche Folgen sind eine erhöhte Gewebespannung, kompensatorische Bewegungsmuster oder Bewegungseinschränkungen.   

 

Was bedeutet das für die Praxis?

Die Forschung zu abdominalen Narben und chronischen Rückenschmerzen befindet sich noch in den Anfängen. Erste Studien deuten jedoch darauf hin, dass Narben und Verwachsungen die Beweglichkeit von Geweben beeinflussen und mit Beschwerden des Bewegungsapparats zusammenhängen können. Auch wenn ein direkter Zusammenhang bisher nicht eindeutig nachgewiesen wurde, kann es bei chronischen Rücken-, Becken- oder Hüftbeschwerden sinnvoll sein, alte Operationsnarben in die Untersuchung miteinzubeziehen.

Osteopathische Betrachtung

 

In der Osteopathie wird nicht nur die schmerzende Region untersucht. Vielmehr stellt sich die Frage, welche Strukturen die Beweglichkeit des gesamten Systems beeinflussen können. Bei chronischen Beschwerden im Bereich von Rücken, Becken oder Hüfte gehört deshalb die Untersuchung alter Operationsnarben häufig dazu. Nicht jede Narbe ist problematisch und nicht jeder Rückenschmerz hat seinen Ursprung im Bauchraum. Manchmal liegt jedoch ein entscheidender Teil der Geschichte genau dort, wo man ihn nach vielen Jahren nicht mehr vermuten würde.

 

 

 

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